Aktuelle Themen 2017

"Frauen stützen den halben Himmel"

Junge Frauen stehen in China unter enormem sozialen Druck. Hinzu kommt eine zunehmende ökonomische Ungleichheit der Geschlechter: Verdienten Frauen 1990 im Schnitt etwa 80 Prozent des Jahreseinkommens von Männern, waren es 2010 nur noch 60 Prozent. Wie steht es also um die Rolle der Frauen in China? Eine Diskussionsrunde in Berlin gab Aufschluss.
David Weyand | Juli 2017
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Foto: Anita Back
"Feminismus ist in der deutschen Berichterstattung über China ein kaum beachtetes, wenngleich hochrelevantes Thema", sagte Christian Hänel zum Auftakt der Veranstaltung "Feminism and Women Empowerment: Redefining the Role of Women in Contemporary China". Der Leiter des Themenbereichs "Völkerverständigung Amerika und Asien" der Robert Bosch Stiftung begrüßte zur 10. Diskussionsveranstaltung der Reihe "China im Gespräch" rund 90 Besucher in der Berliner Repräsentanz der Stiftung.

Junge Frauen stehen in China unter enormem sozialen Druck. Obwohl viele gut ausgebildet und finanziell selbständig sind, sehen sie sich hohen Erwartungen der Eltern ausgesetzt, möglichst jung zu heiraten und Kinder zu bekommen. In vielen Städten gibt es staatlich geförderte öffentliche Heiratsmärkte, auf denen Eltern versuchen, ihre Töchter sprichwörtlich an den Mann zu bringen. Frauen, die bis zum Alter von 27 Jahren noch nicht verheiratet sind, werden abwertend "Leftover Women" genannt. Diesen Titel wählte die amerikanische Autorin und Panelistin Leta Hong Fincher für ihr erstes Buch, in dem sie sich mit dem erneuten Anstieg der Geschlechterungleichheit in China befasst. Sie saß neben der bekannten chinesischen Frauenrechtsaktivistin Lü Pin auf dem Podium in Berlin. Lü ist Gründungsmitglied von "Feminist Voices", Chinas größter Medienplattform für Frauenrechte. Sie startete kürzlich die NGO "Chinese Feminist Collective", um aus den USA feministische Bewegungen in China zu unterstützen. Moderiert wurde die Diskussion von Sinologin und Chinaexpertin Janka Oertel vom "German Marshall Fund of the United States".
 

Revolution und Frauen

Leta Hong Fincher tauchte zunächst in die Frühzeit der Kommunistischen Partei Chinas ab: Um die Revolution vorantreiben zu können, nutzte die Partei das Thema Geschlechtergerechtigkeit zur Rekrutierung von Frauen. "Frauen stützen den halben Himmel" zitierte sie Maos bekannte Worte. Denn in den Anfangsjahren der Volksrepublik gab es ab 1949 durchaus fortschrittliche Entwicklungen: Erstmals waren Scheidungs- und Eigentumsrechte für Frauen sowie eine stärkere Gleichstellung von Mann und Frau im Arbeitsleben etabliert, wodurch Frauen ein eigenes Einkommen möglich wurde. "Viele waren deshalb enthusiastische Anhänger des Kommunismus", so Fincher. Allerdings schlug diese progressivere Frauenrechtspolitik rasch wieder um.

Das sozialistische Vermächtnis von Gleichheit möge noch in den Köpfen geistern, mit der heutigen Realität habe es nicht mehr viel zu tun, sagte Lü Pin. Sie verwies auf eine zunehmende ökonomische Ungleichheit der Geschlechter: Verdienten Frauen 1990 im Schnitt etwa 80 Prozent des Jahreseinkommens von Männern, waren es 2010 nur noch 60 Prozent. "Das heutige chinesische Wirtschaftsmodell beutet die Arbeitskraft von Frauen extrem aus", so ihr Fazit. Ähnlich sieht es bei der Wohlstandsverteilung aus. Staatliches Wohneigentum, das seit den 1990er Jahren privatisiert wurde, geht traditionell vor allem an Männer, erläuterte Leta Hong Fincher. War dies anfangs kaum etwas Wert, explodierten die Immobilienpreise seitdem und führten zu massiver Umverteilung von Wohlstand zugunsten von Männern. Heute wiederum können sich junge Chinesen mit geringem Einsteigergehalt kaum noch selbst Immobilien leisten und sind auf die Unterstützung ihrer überwiegend konservativen Eltern angewiesen. "Frauen, die eigentlich unabhängig sein wollen, bekommen Druck von ihren Familien oder dem Ehemann."

Tradition und Kultur lässt Lü Pin als Erklärungsmuster nicht gelten. Um Frauen gesellschaftlich besser zu stellen, müssten vor allem die Gesetze und Rechte besser formuliert sein und angewendet werden. "Wir haben zehn Jahre für ein Gesetz gegen häusliche Gewalt gekämpft, können es aber jetzt nicht feiern, weil es nicht durchgesetzt wird", kritisierte sie. Fincher bestätigte das: "China hat viele Gesetze, die wenigsten werden jedoch tatsächlich umgesetzt - ein Rechtsstaat sieht anders aus." Und bei vermeintlichen Verbesserungen müsse man genau hinsehen. So führe das Ende der Ein-Kind-Politik keinesfalls zu mehr Freiheit für Frauen. Sie gelte nur für verheiratete heterosexuelle Paare und nicht für alleinstehende oder homosexuelle Frauen, die Kinder bekommen wollen.

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Fotos: Anita Back 
Rund 90 Gäste folgten am 12. Juli 2017 der Einladung der Robert Bosch Stiftung zur 10. Veranstaltung aus der Reihe "China im Gespräch". Das Thema: "Feminism and Women Empowerment in China".

Aufklärung an chinesischen Schulen ist sexistisch

Auch das direkte Verhältnis der Geschlechter in China ist teils problematisch. Neben häuslicher Gewalt gibt es häufig Vorfälle sexueller Belästigungen in der Öffentlichkeit. Statt auf der individuellen Ebene sieht die Amerikanerin Fincher das Hauptproblem in Strukturen und der staatlichen Propaganda: "Die Aufklärung an Schulen ist extrem sexistisch. Da ist es für Jungen schwer, sich aus diesem Umfeld und den entsprechenden Denkmustern zu befreien." Würde es diese starke Kontrolle und Propaganda nicht geben, würden sich laut Fincher auch mehr Männer für Gleichberechtigung einsetzen.

Feministische Aktivitäten werden jedoch vom chinesischen Staat massiv unterdrückt. Zwar gebe es zigtausende Feministinnen im Land, "eine rote Linie ist aber die Organisation von Aktionen, Gruppen und Protest", sagte Lü Pin. So wurden 2015 fünf chinesische Feministinnen festgenommen, die am internationalen Frauentag Aufkleber gegen sexuelle Belästigung in U-Bahnen verteilen wollten. Die "Feminist Five" erlangten durch Internetkampagnen internationale Aufmerksamkeit und kamen erst nach einigen Wochen wieder frei. Lü Pin hatte eng mit ihnen zusammengearbeitet, sie selber blieb nach deren Internierung in den USA. Seither ist sie nicht mehr nach China zurückgekehrt und organisiert ihre Frauenrechtsarbeit aus den Vereinigten Staaten.

Feminismus auch international unter Druck

Der Feminismus sei aber nicht nur in China unter Druck, betonten beide Expertinnen. Auch anderswo bedrohten ihn autoritäre, patriarchale Regierungen. "Die Frage ist aber nicht, ob Feminismus nur in Demokratien erreichbar ist, sondern wie Feminismus zur Demokratisierung beitragen kann", sagte Lü Pin.

Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sehen beide als Rückschlag für internationale Frauenrechte. Nach seiner Wahl hätten etwa die Belästigungen von Frauen in China sprunghaft zugenommen, so Lü Pin. Fincher vermisst eine kraftvolle moralische Stimme, die bisher amerikanische Außenpolitik prägte - und auch zur Freilassung der "Feminist Five" beitrug. "Aber ich bin nicht hoffnungslos. Die chinesischen Feministinnen haben viel durchgemacht und bleiben trotzdem dabei", sagte Fincher. "Dass sollte eine Inspiration für die Welt sein!"

Die Zusammenfassung des Abends in der Audio-Slideshow

Weitere Informationen

"China im Gespräch" ist als Veranstaltungsreihe für das Berliner Publikum konzipiert. Ziel der Serie ist es, zu einem differenzierten Chinabild in Deutschland beizutragen und Analysen zu aktuellen Fragestellungen zu liefern, die Trends in der deutschen Berichterstattung über China durchaus in Frage stellen können.